Armee: grosse Chance für junge Leute?

Tönt klischeehaft? Nein, denn obwohl sich vieles geändert hat, sind die vielen Chancen einer militärischen Laufbahn besonders zwischen 20 und 30 Jahren unübersehbar. Ob das allerdings die Wirtschaft noch weiss? Gut für die Person, schlecht für ihre Karriere? Hier macht man in der Führung früh prägende Erfahrungen - im Mix von körperlicher Ermüdung mit geistiger Herausforderung sowie Verantwortung. 

  

Übersicht Verteidigung VBS JJ and Hard Facts
JJ and Soft Facts

35 Jahre JJ & Miliz

Zeitraum Aufgabe Grad, Rang
1968 Zürich Rekrutenschule Füsilier
1969 Zürich Unteroffiziersschule Füsilierkorporal
1970 Zürich Offiziersschule "Aspirant"
1972 Bière "Abverdienen" Lt Leutnant
1972-1978 Zugführer im ZH
Füsilier Bat I/65
Leutnant
1979-1982 AC Schutz Of der 
Sanitäts-Abt 6
Oberleutnant
1983-1987 AC Schutz Of des
Infanterie Rgt 26
Hauptmann
1988-1992 Chef ACSD in der 
Felddivision 6
Major,
Oberstleutnant
1993-2002 Chef ACSD im 
Stab der Luftwaffe
Oberst
   
Die Verabschiedung am 15.1.2003 nach über 30 Jahren... 

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Fröhliche Lehren & ernster Humor
Rückblickend versurren schmerzliche Erfahrungen, werden am ...Stammtisch banal. Trotzdem: Die Andersartigkeit vieler Erlebnisse vermittelt frühen Jahren Erkenntnisse, die  man in die Herausforderungen rund um Familie, Beruf und Gesellschaft mit Vorteil mitnimmt. Auch manch gängiges Vorurteil über Menschen kam in der Armee unter die Räder. Weil man "es" eben 1:1 (anders!) erlebt hatte. Der "Brand" dieser Prägungen zwischen 20 und 30 sitzt. Wie viele junge Offiziere habe ich meine persönliche "Auswahl. Und Sie? Und woher?
   

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Wozu Fachwissen?
Ich bin überzeugt, dass die Bedeutung des Fachwissens für den Erfolg von Führungspersonen in der Schweiz überschätzt wird. Ein Vorgesetzter muss Ziele mit Menschen erreichen. Daran ist er zu messen. 
Als ich 1972 in der motorisierten Infanterie 4 Wochen einen Motorfahrer-Zug mit 20 Fahrzeugen führte, hatte ich als einziger keinen Führerschein! Es musste gehen - und es ging.  Anekdotisch: Mein Zug hatte am  wenigsten Autoschäden...
Noch schlimmer war ich dran, als ich 1972 als Joker während einer  dreitägigen Gefechtsübung einen französisch sprechenden Minenwerferzug wegen der Verletzung eines Offiziers befehligen musste. Hoppla: Wie heissen die Kommandos auf französisch? Und wie funktioniert ein Minenwerfer genau? So pauschal habe ich wohl nie mehr im Leben delegiert:
"Messieurs, faites ce-que vous devez!" Sie taten. Es klappte. Offenbar waren sie sonst eher unterfordert. 
   

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"Geborene" Führer?
Trifft man auf souveräne Führungspersönlichkeiten, fällt schnell das in der Regel falsche Klischee vom "geborenen Führer". Die Armee relativiert das: Man ist in einer guten / schlechten Kompanie eingebettet, hat einen wohlwollenden / demotivierenden Kommandanten, bekommt die besten / untauglichsten Soldaten zugeteilt. lernt schnell aus Fehlern - oder eben nicht. Meine Quali als junger Leutnant: "Muss noch älter werden" (habe ich erreicht!). Für denselben taktischen Entscheid wurde ich vom Klassenlehrer zusammengestaucht,  vom Divisionär dafür in alle Himmel hochgelobt. Massstab? Gelernt habe ich u.a. "Vertrauen ist nötig - Kontrolle aber auch." Gutgläubigkeit ist High Risk. 
Eine Fussball-Trillerpfeife für Signale im Gefecht ist mir Symbol: Von "Soldaten sind keine Hunde!" bis zu "Geniales Kommunikations-Tool!" hörte ich alles. Unité de doctrine...
   

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Vulkanische Hahnenkämpfe...
Ja, wir 68-er! Wir leisteten uns in der Offiziersschule allerhand. Da  verpasste uns der "Schlauchmeister" schikanöse Nachtübungen und wollte unseren "Grind" brechen. Wir sorgten im Gegenzug dazu, dass seine Übungen jedes Mal schlecht aussahen, wenn Besuch auftrat.. Es ging auf Biegen und Brechen. Er glaubte: "Nur Härte hilft!" - Wir gaben keinen Millimeter nach ...68. Gottseidank begegneten wir nie allein an einem dunklen Ort...
Jahre später vernahm ich, der neue Bataillonskommandant wolle mich "als renitenten Kerl" umteilen. Erraten: ER war es. In nur einem Tag hatte er alle meine Kollegen fachlich in den Boden gestampft. Er drohte mit Gefängnis und setzte knallharte Standards durch (machte jedoch ALLES SELBER vor). Ueberfallartig besuchte er tags darauf meinen Zug, nahm mich zur Seite und sagte: "Alles vergessen! Gute Arbeit." Es ging ihm also wirklich um die Sache! Das Eis war gebrochen.
   

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Hörner abstossen
Die Armee hat überhaupt eine enorme Bedeutung als "Sparring Partner" für Halbwüchsige: Hier kann man sich quer stellen, Fehler machen, auf stur schalten - eigentlich riskiert man wenig. Allerdings: Wie man in den Wald hineinruft, tönt es heraus. Man lernt einstecken - Nehmerqualitäten heisst das später. Da hatte ich mich vor der grossen Inspektion nicht sauber rasiert, wurde zitiert und musste mich mehrmals - schikanös - laut anmelden. Das tat ich nicht. So kam ich zu 5 Tagen scharfem Arrest. Gehört dazu...
In der Offizierschule reichte ich eine Beschwerde gegen einen unfähigen Jung-Instruktor ein. Er verbat sich fachlich gerechtfertigte Kritik und liess uns den Kasernenplatz mit Helm und vorgehaltenem Gewehr von Unrat reinigen. Ich exponierte mich als Einzelperson (kollektive Beschwerde war damals Meuterei) und bekam plusminus Recht. In meiner Qualifikation stand danach vielsagend:  "Hat Mühe sich einzuordnen". 
Wenn ich es mir so recht überlege: Wir haben die Freiheit, unseren Vorgesetzten auf den Wecker zu gehen, eigentlich weidlich ausgekostet (sagen Sie es Ihren Kindern nicht weiter!).
   

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Blick in die Volksseele
Und was ist mit der sprichwörtlichen Kameradschaft? Natürlich ist unsere Friedensarmee Vergleich mit Kriegsveteranen, welche ohne Zögern die selbstlose  Unterstützung durch einen Kameraden nennen können, wenn man sie auf das "wichtigste Erlebnis" anspricht. 
Und doch erleben gerade Studenten wie ich (vermeintliche "Geistesriesen" mit zartem Unterbau und begrenzter Leidensfähigkeit) nach Anstrengung, Hunger, Nässe, Müdigkeit und  Blasen an den Füssen die Welt anders. Wenn dann ein  stämmiger Handwerker - ohne jegliche Anzeichen körperlicher Erschöpfung - neben zwei Rucksäcken grinsend noch einen  dritten auf die Schulter schwingt und den Arm als Stütze anbietet, ist das ein kapitaler Aufsteller, der nicht einfach abgehakt wird ...und bescheiden(er) macht.
Ueberhaupt haben es solche "Ueberlebensübungen" in sich. Man kommt sich über alle Grenzen hinweg näher. Im Umfeld körperlicher Erschöpfung ergeben sich oft auch ernste und grundlegende Gespräche.  Manche Fassade bröckelt. Man wird echt. Das nimmt man mit.
   

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Laufen lassen...
Den französischsprachigen Minenwerferzug hatte ich für 3 Gefechtstage mit harten Märschen von einem übereifrigen Leuteschinder "geerbt". Einige Rekruten hatten grässlich den Stinker und versuchten, den Neuen zu provozieren. Ich verliess mich auf den Korporal. Er zuckte mit den Schultern und ich ignorierte, dass zwei der Romands während 3 Tagen - über 90 Kilometer bei sengender Hitze und mit  schweren Lasten den Höhen des Genfersees entlang - ständig aufreizend 100 Meter hinter dem Zug marschierten. Einem mussten wir sogar einen Plasticsack über den Kopf stülpen, weil er so stark hyperventilierte. Kurz vor dem Marschende schlossen sich uns "die Rebellen" plötzlich kommentarlos an, scherzten, lachten und waren hinfort zufrieden. Lehre: Man muss nicht gleich aus jedem Detail eine Durchsetzübung, ein Präjudiz  machen.
   

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Objektive Volksseele!
Auf der Alp Schrina ob Walenstadt dienten wir als  Versuchskaninchen für das Anlegen von Schiessübungen für  angehende Kommandanten. Es waren lange Tage - der Ton im Gefecht laut und unzimperlich. Nicht alle Unteroffiziere waren  beliebt. Darunter einige, welche im Gefecht sehr gute Leistungen erbrachten. Es interessierte mich sehr, wie die Soldaten ihre Chefs wirklich beurteilten. Also setzte ich einen Soldaten mit fachlicher Vorbildung ein, welcher eine Befragung durchführte: "Mit welchem Unteroffizier würden Sie  im Ernstfall am ehesten in den Krieg ziehen?" Das Resultat war überraschend: Nicht die beliebten Kumpel tauchten an der Spitze auf, sondern ein bärbeissiger, unangenehmer, aber fähiger Haudegen, den eigentlich niemand so recht mochte. Offenbar waren sich die Soldaten durchaus bewusst, welche (anderen) Qualitäten zählen, wenn es ums Ganze geht.
Inzwischen weiss ich aus vielen Befragungen, dass Mitarbeiter (ja: auch Schulkinder!) entgegen der landläufigen Ansicht ihre Chefs meist objektiver und beurteilen als viele hohe Tiere.  
   

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Objektive Auswahl
In der zweiten Hälfte der Unteroffiziersschule hatte ich grosses Glück: Meine Gruppe war sehr leistungsfähig (siehe auch Variablen unter "geborene Führer"). Wir legten wir uns mit einem gestelzten Instruktor an, der uns so richtig vorführen wollte. Schlimmer: Der Instruktor stellte plötzlich an meiner Eignung zum Offizier und erteilte mir und der Gruppe einen maliziösen Testauftrag als Falle: innerhalb einer Stunde nachts im Wald 6 Kilometer aufklären. Dilemma: Will man die Distanz bewältigen, macht man Lärm und wird gefangen. Ist man leise und vorsichtig, muss man zu früh umkehren. Wir entschieden uns für die Teilstrecke und waren zur Zeit zurück.
Am Tag der Eröffnung des Vorschlags zum Offizier die grosse Enttäuschung: Aufgrund dieses Tests war ich "unfähig"! Ich bot dem Schulkommandanten wutentbrannt einen Wettbewerb gegen jede andere der 50 Gruppen der Rekrutenschule an. Ich war sicher, meine Gruppe würde gewinnen. Das machte ihn stutzig. Er ging der Vorgeschichte nach und deckte die Motive auf. Damit niemand das Gesicht verlieren musste, hatte ich mich nachdienstlich in Zivil  beim Divisionskommandanten zur "Nachprüfung" einzufinden. Dieser schaute mir tief in die Augen und murmelte: "Sie spielen Handball?" - "Ja" - "Gut, ich erteile Ihnen den Vorschlag!" Für mich: Ende gut, alles gut.  Aber liest man so Führungskräfte aus...
   

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Fazit
Die berühmte "Helicopter-View" lernt man eben noch immer am besten vor Ort...